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Die Bücher von Wolfgang Hohlbein


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Wirklichkeit und fremde Welten
Interview für das Börsenblatt, das Wochenmagazin für den deutschen Buchhandel, September 2003

Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein ist bekennender Karl-May-Anhänger. Gemeinsam mit seinem Verleger Fritz Panzer (Verlag Carl Ueberreuter) philosophiert er im Gespräch über seine Lektüre von einst und die jungen Leser von heute. Das Interview führte Dieter Winkler.

Faszinieren Bücher die Kinder und Jugendlichen heute noch genauso wie vor 40 Jahren?

Hohlbein: Ich hoffe es zumindest. Die Gespräche, die ich mit Jugendlichen und Kindern über Bücher führe, zeigen mir, dass diejenigen, die lesen, mehr und intensiver lesen als früher. Sie tauchen in die Geschichten ein, leiden mit den Figuren mit und durchleben alle Abenteuer selbst - so wie ich es als Kind auch gemacht habe. Bücher werden immer gelesen, egal, welche neuen Medien und Techniken noch kommen mögen.

Panzer: Ich stimme da zu - aber nur, was die Begeisterung jener Kinder betrifft, die ohnehin Bücher in die Hand nehmen. Darüber darf man allerdings folgende Zahlen nicht vergessen: Jugendliche Schulabgänger wenden 30 Prozent weniger Zeit für Bücher auf als die Generation von zehn Jahren. Und: Gaben Kinder damals noch 50 % ihres Informationsbudgets für Bücher aus, sind es heute nur noch zehn Prozent.

Welche Folgen hat diese Entwicklung für Verlage, Buchhandlungen und Autoren?

Panzer: Geht die Buchnutzung bei Kindern weiter zurück, werden auf lange Sicht nicht nur die Jugendbuchverlage in eine Strukturkrise geraten, sondern natürlich auch die Belletristik-, Sachbuch-, Zeitschriften- und Zeitungsverlage. Denn Jugendliche, die wenig Zeit für Bücher aufwenden, geben auch als Erwachsene weniger Geld für Printmedien aus.

Sind Bücher für den Nachwuchs vielleicht einfach zu kostspielig?

Hohlbein: Nein. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Büchern ist eher ungewöhnlich günstig. Trotzdem kämen Jugendliche, die 60 Euro für ein Computerspiel ausgeben, nie auf die Idee, diesen Betrag für ein Buch aufzubringen. Ein bisschen geht mir das ja selber auch so: Für 100 Euro gehe ich ohne mit der Wimper zu zucken in einem guten Restaurant essen, aber selten erstehe ich mal eben so zwei Bücher für 100 Euro.

Welche Rolle spielen denn die Medien bei der Vermittlung von Kinder- und Jugendbüchern?

Hohlbein: Ich glaube, dass letztendlich immer der Leser entscheidet, welches Buch er gut findet und welches nicht. "Harry Potter" ist dafür das beste Beispiel: Natürlich wurde für das Buch die Werbetrommel gerührt, aber groß gemacht haben es letztendlich die unzähligen kleinen und großen Leser, die es gekauft haben. Erst danach sind die Buchhändler und die Medien so richtig auf den Zug aufgesprungen - was der ganzen Sache zusätzlichen Schwung gegeben hat.

Panzer: Die Mundpropaganda ist ein wesentlicher Beschleunigungsfaktor, das glaube ich auch. Aber auch die Medien spielen eine große Rolle, wenn sie - oft personalisierend und stark simplifizierend - über Bücher und Autoren berichten. Tatsächlich kann sich eine Art von "Boulevardisierung" positiv auf den Buchverkauf auswirken. Der erhobene Zeigefinger hat bei den Kindern von heute ohnehin längst ausgedient.

Trotzdem gibt es immer noch genügend "Moralisierer", die gerade Kinderbüchern den erhobenen Zeigefinger abverlangen...

Panzer: Diese Spezies stirbt zum Glück langsam aus. Lehrer beispielsweise sind heutzutage wesentlich aufgeschlossener. Immer häufiger kommt es vor, dass dicke Fantasy-Romane von Wolfgang Hohlbein als Klassenlesestoff eingesetzt werden oder dass Abschlussarbeiten Bücher von Stephen King zum Thema haben. Autoren wie Hohlbein und King vermitteln oft mehr Gefühl für Gerechtigkeit und Toleranz als so mancher "Problemroman".

Welche Bücher waren in der Kinder- und Jugendzeit Ihre "Einstiegsdrogen" in die Literatur?

Hohlbein: Ich habe sozusagen mit Karl May lesen gelernt. Und seit mindestens 30 Jahren nehme ich mir vor, wieder in die Bücher reinzugucken, aber eigentlich traue ich mich nicht. Denn dabei könnte ich feststellen, dass ich Karl Mays Werke heute ganz und gar nicht mehr gut finde - davor habe ich Angst. Tolkiens "Herr der Ringe" ist ebenfalls ein ganz wichtiges Buch für mich. Was mich auch sehr beeindruckt und beeinflusst hat, ist Lovecrafts Gesamtwerk.

Panzer: Ich habe ebenfalls viel Karl May und Tolkien gelesen, aber auch Enid Blyton, Perry Rhodan, Hermann Hesse, Max Frisch. Ihre Bücher waren zuerst Einstiegsdrogen in das Lesen und dann in die Literatur.

Da Sie beide Karl-May-Kenner sind - glauben Sie, dass seine Geschichten auch den Kids von heute gefallen?

Hohlbein: Das kann ich nur ganz schwer beurteilen. Mich persönlich hat Karl May jedenfalls sehr beeinflusst. Nicht so sehr sein Stil, aber seine großen, breit angelegten, fantastischen Geschichten. Die Abenteuer von Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi sind doch im Kern nichts anderes als meine heutigen Fantasy-Geschichten - fremde Welten mit faszinierenden Figuren und großen Gefühlen.

Panzer: Der Umsatz mit Karl-May-Büchern ist in den vergangenen Jahren zwar zurückgegangen, dennoch werden immer noch mehr Werke von ihm verkauft als von vielen anderen Autoren. Ich glaube, dass die Kids heute einen anderen Erfahrungshorizont haben und Karl Mays Helden manchmal auch unfreiwillig komisch finden. Ich allerdings beneide jedes Kind, das heute bei der Lektüre von "Trapper Geierschnabel" das empfinden kann, was ich empfunden habe: pure (Lese-)Lust, wunderbares Verloren-Sein in einer anderen Welt.

Haben sich die Lesegewohnheiten der Jugendlichen denn grundlegend geändert?

Hohlbein: Ich denke, das Umfeld hat sich verändert. In meiner Jugend zum Beispiel habe ich von meinen Eltern und Verwandten spezielle Bücher geschenkt bekommen, die für mein Alter gedacht waren und die ich dann natürlich auch gelesen habe. Wenn heute schon ein 13-jähriger Stephen King liest, dann sagt man: "Naja, er wird schon keinen psychischen Schaden davontragen." Als ich 13 Jahre alt war, wäre das undenkbar gewesen.

Wenn Jugendliche immer früher Bücher für Erwachsene lesen - wo ordnen Sie dann die Hohlbein-Werke in diesem Zusammenhang ein?

Panzer: Die Grenze zwischen Büchern für Jugendliche und Büchern für Erwachsene lässt sich einfach nicht mehr so klar ziehen. Schon die Werke von Erich Kästner und Michael Ende wurden von beiden Gruppen gelesen. Ich vermute sogar, dass mehr Erwachsene als Kinder "Momo" gelesen haben. Auch bei Bilderbüchern, Comics und im Segment Fantasy sind die Zielgruppen in vielen Fällen nicht mehr nach dem Alter zu definieren - man denke nur an "Wo die wilden Kerle wohnen", "Asterix" oder Tolkiens Werke. Das gilt auch für die Bücher von Wolfgang Hohlbein. Die Titel verfügen, wie das so schön heißt, über verschiedene "Rezeptionsebenen", die ganz unterschiedlichen Altersgruppen gerecht werden.

Das neueste Hohlbein-Werk hat 850 Seiten und heißt schlicht "Das Buch". Es erzählt von Buchhandlungen, Bibliotheken und Büchermenschen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Panzer: Mein Wunsch war es, zum 50. Geburtstag von Wolfgang Hohlbein in diesem August ein Hauptwerk im Programm zu haben, bei dem es um Bücher und Buchmenschen geht - eine Anregung, die Wolfgang dann außerordentlich zielsicher und schnell umgesetzt hat. Seine Protagonistin ist eine junge Buchhändlerin, die merkt, dass sich ihr Umfeld auf merkwürdige Weise verändert - bis sie entdeckt, dass jemand ihre Wirklichkeit umschreibt wie in einem Drehbuch.

Hohlbein: Das Buch kreist um eine Frage, die mich seit langem beschäftigt: Was ist eigentlich Realität? Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit hat. Vielleicht lebt jeder uns in einem kleinen privaten Universum, das ganz anders ist als das der sechs Milliarden anderen Menschen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das, für einen Tag oder auch nur für eine Stunde in den Körper eines anderen zu schlüpfen - um zu sehen, wie er mich sieht.

Vor 20 Jahren ist bei Ueberreuter Ihr erstes Buch "Märchenmond" erschienen, heute sind 48 Hohlbein-Titel im Verlagsprogramm lieferbar. Was hat sich verändert?

Hohlbein: Ich bin sicherlich etwas routinierter geworden. Und ich hoffe, dass ich auch besser geworden bin, doch das können nur die Leser beurteilen. Am Anfang war ich auf Fantasy festgelegt. Ein bisschen fantastisch ist immer noch alles, was ich schreibe, aber das Themenspektrum ist sehr viel breiter geworden. Grundsätzlich gilt: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die man überhaupt erzählen kann. Diese 20 - 30 Geschichten immer wieder neu zu verpacken - das ist die wahre Herausforderung eines Autors. Wenn ich meine Misserfolge betrachte, dann wird deutlich, dass ich immer dann auf die Nase falle, wenn ich versuche, besonders originell zu sein.

(Quelle: börsenblatt, Wochenmagazin für den deutschen Buchhandel, 2003 Heft 38, www.mvb-boersenblatt.de)

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